Paul und Helen von Wegen

Tauchen Sie ein in die schillernde Welt der Frachtpiloten voller Kuriositäten und waghalsiger Entscheidungen.

Nicht gerührt und schon gar nicht geschüttelt

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Am Belfast Aldergrove Airport (EGAA) kennt man uns. Trotzdem müssen wir an diesem Montag in der Security das ganze Prozedere über uns ergehen lassen, vom in der Umkleidekabine ausziehen, weil etwas an mir vehement den Alarm auslöst, bis zum Durchsuchen der Unterwäsche. Der Grund: die Arbeitsweise der Sicherheitsleute wird überprüft.

Es ist 8 Uhr Ortszeit (in Deutschland ist man eine Stunde weiter). Eine gute Uhrzeit für den Start in die Arbeitswoche. Beim Rotieren der Flugdienst- und Ruhezeiten (FDRZ) ist es wahrscheinlich, dass wir so in dieser Woche immer die Aufträge bekommen, die bei Tageslicht geflogen werden.

Der Plan

Wir rechnen uns aus, dass wir spätestens um 18 Uhr Ortszeit in Thessaloniki fein im Restaurant zu Abend tafeln werden.

Um 9 Uhr Belfastzeit ziehen wir die Beine in den Flugzeugbauch. Keine Fracht, keine Passagiere, über der Nordsee ist es ruhig, also erst einmal frühstücken.

Bis wir zweieinhalb Stunden später in Hamburg anfliegen, wird, laut Flugwetterbericht TAF, die Novembersonne den Nebel in starken Dunst verwandelt haben.

Wie gewohnt rollen wir direkt vor das GAT. Es soll innerhalb der nächsten Stunde weitergehen nach Thessaloniki.

Obwohl das Headquarter per Handy versichert, dass die Fracht bereits da ist, können wir sie nirgends entdecken.

Bei dieser Aussage ist es ratsam, seinen Posten nicht zu verlassen. Also schreiten wir in den ersten zwei Stunden Wartezeit, wie Leibgardisten seiner Königlichen Majestät, die gesamte Länge von 18,09 Metern entlang unseres Flugzeugrumpfes ab.

Vielleicht lässt sich die Fracht anlocken? Dazu setzen wir uns mit Dosenbohnen und -thunfisch und einigen Salamizipfeln zum Mittagessen ins Cockpit. Wären wir im Restaurant und hätten ein dampfendes Menü vor uns, hätte es ganz bestimmt geklappt.

Im GAT wird man unruhig. Wir blockieren mit unserem Flieger sozusagen den Kurzzeitparkplatz für VIP-Flieger.

Weitere zwei Stunden vergehen, als wir in der Ferne ein Follow-me entdecken und direkt dahinter einen LKW. Beide im Schneckentempo.

„Das erklärt die Verspätung“, raunen wir uns zu.

Empfindliche Fracht

“Schön langsam. Die dürfen nicht erschüttert werden.” Dem LKW-Fahrer steht die Sorge ins Gesicht geschrieben, dass doch noch was passieren könnte. Sobald die Fässer aus seinem Fahrzeug ausgeladen sind, sollte das nicht mehr sein Problem sein.

Ein rot-weiß schraffierter DIN A4-Umschlag wechselt den Besitzer.

“Eure Frachtpapiere.” Der Fahrer nickt in Richtung der fünf blauen Fässer. „Und keine harte Landung mit den Dingern.” Er ist der Einzige, der über seinen Witz lacht.

Die Fässer sehen harmlos aus, bis auf die Aufkleber rund herum: Gefahrgut, tote Fische in ausgedörrten Flussbetten, nicht einatmen, dazu Telefonkontakte für alle möglichen Notfälle.

Erst als das zweite Fass durch die Ladeluke in den Flieger geschoben wird, kommen vier Grenzschutzbeamte aus dem GAT und schlendern auf das geschäftige Treiben an unserem Flugzeug zu.

“Do you speak English?”

Einer spricht Englisch mit breitem osteuropäischen Akzent. Auf einem norddeutschen Verkehrsflughafen, neben einem deutsch registrierten Flugzeug. Meinen die uns?

Scheinbar eine freudsche Fehlleistung und Erleichterung macht sich unter den Uniformierten breit, als wir auf Deutsch antworten: „Das Kennzeichen am Leitwerk? Das sind keine kyrillischen SSSS. Das sind ganz normale deutsche CCCC.“

Ein kurzer Blick in unsere abgewetzten Reisepässe und mit den besten Wünschen für einen guten Flug kehren die Männer ins GAT zurück, um dort weiter nach dem Rechten zu sehen.

Hat überhaupt jemand den Inhalt dieser Fässer geprüft? Sie sind obendrein mit Sicherheitsleinen, wie Bergsteiger sie benutzen, verzurrt. Zu aufwändig, zu gefährlich dort hineinzugucken?

Der Staplerfahrer nimmt seinen Job ernst. Was unter normalen Umständen in 10 bis 15 Minuten erledigt gewesen wäre, dauert schließlich mehr als zwei Stunden. Wie in Zeitlupe hebt er jede einzelne Palette mit je einem Fass darauf vom Boden und setzt sie so sanft er kann im Flieger ab.

Was ist denn um Gottes willen da drin? Der Film „Lohn der Angst“, in dem die Tanklaster voll mit Nitroglycerin am Ende trotz aller Vorsicht doch noch in die Luft fliegen, drängt sich in unser Unterbewusstsein.

Die Großwetterlage wartet auf halber Flugstrecke mit einem Schlechtwettergebiet, in dem wir mit Turbulenzen zu rechnen haben.

Aber vielleicht ist es ja gar keine Flüssigkeit? Die Fässer sind groß genug, um darin erwachsene Männer mit Sauerstoffgeräten zu verbergen. Das würde erklären, warum sie möglichst nicht vom Stapler fallen sollten. Und bei den Aufklebern lässt jeder Kontrolleur die Finger davon.

Die Betankung ist abgeschlossen, Strom wird angeschlossen, alle Vorbereitungen im Cockpit sind durchgeführt und die Spanngurte an allen Fässern festgezogen.

„Klappe zu, Affe tot“, sagen wir immer, wenn wir die Frachttür schließen, nur heute will es nicht so witzig klingen wie sonst.

Departure aus Hamburg um 18 Uhr. Hatte die Bahn schon immer so viele Bodenwellen? Die Fässer auf der Ladefläche direkt hinter uns bleiben friedlich.

Die Front hat auf uns gewartet

Um 20:30 Uhr erwischt uns das angekündigte Sturmtief. Nitroglycerin scheint es nicht zu sein. Das hätte bei dieser Achterbahnfahrt schon reagiert. Sollten tatsächlich Agenten in den Fässern hocken, dann haben sie hoffentlich einen ordentlichen Vorrat an Spucktüten dabei.

Wer kommt überhaupt auf so eine Idee, Fracht, die nicht auf der Straße transportiert werden darf wegen eventueller Schlaglöcher, in ein Flugzeug zu laden? Die haben keine Ahnung was echte Turbulenzen sind. Die würden mit ihrem Wumms jedes Schlagloch vor Neid erblassen lassen.

Ankunft 23:30 Uhr Ortszeit in Thessaloniki (LGTS) (eine Stunde zu Deutschland voraus).

Die Mazedonischen Loader sind offenbar weniger erschrocken über die Aufkleber und haben alle fünf Fässer innerhalb von 10 Minuten auf Gepäckwägelchen umgeladen und ins Lager abtransportiert.

Triebwerke abstöpseln, rundherum Securitylabels an insgesamt sechs Klappen anbringen, und der Handlingagent begleitet uns zum Taxi vor das Terminal. Als wir auf der Rückbank Platz genommen haben, ruft er dem Taxifahrer etwas zu, woraufhin der aufs Gas tritt.

Ein Hotel am Strand. Wie wunderbar. Und jetzt im November haben wir den aufmerksamen Service ganz für uns alleine.

Das Handy surrt: „Hier kommt euer nächster Flugauftrag …“

Thessaloniki Terminal beim Abflug 3 Tage später