Die Handtasche
„Och, Mensch, du hast doch schon genug Taschen!“, mault Paul und versucht, Helen vom Schaufenster des Lederwarengeschäfts zurück auf den Weihnachtsmarkt zu ziehen.
„Hab ich gar nicht!“
„Hast du wohl.“
„Die sind alle schon ausgeleiert, und an der hier geht der Reißverschluss nicht mal mehr richtig zu!“ Wie zum Beweis hält sie ihm ihre Umhängetasche hin.
„Weil du sie immer wie Koffer benutzt und viel zu viel da drin mitschleppst!“ Paul rückt seine Brille zurecht.
„Ich brauche die Sachen eben zum Umziehen, falls nach Dienstschluss mal wieder ein spontanes Geschäftsessen ansteht!“
„Die ich dir aus Amsterdam mitgebracht habe, hast du kaum benutzt.“
„Ich hab aber auch nicht sooo viele Sachen, zu denen ein lila Ledersack passen würde.“ Helen verdreht die Augen.
„Los, komm, ich will da drüben schnell noch nach einem Geschenk für meine Eltern sehen“, versucht Paul, sie abzulenken, „die machen gleich zu, glaube ich!“ Er zieht Helen jetzt energischer weg von der Schaufensterscheibe Richtung Teekontor Ludwigs auf der gegenüberliegenden Seite.
„Nee, warte mal kurz! Hier in diesem Geschäft hab ich die Tasche gesehen, von der ich dir neulich Abend erzählt hab.“ Helen windet sich aus Pauls Umarmung. „Ich will sie mir nur nochmal schnell anschauen. Ich glaube, ich nehme sie doch.“
„Der Laden hier ist der teuerste in der Stadt.“ Pauls Stimme überschlägt sich fast. „Geht’s nicht auch etwas günstiger?“
„Was nix kost‘, ist nix wert! Die hier sind zwar etwas teurer, aber dafür fahren wir dieses Jahr zu Weihnachten ja auch nicht in den Skiurlaub. Da kann ich mir die leisten! Hab extra nochmal ein paar Nächte drüber geschlafen.“
Helen wird langsam ungehalten und denkt kurz nach, wie viel Streit Paul heute wohl verträgt. Dann sagt sie: „Außerdem brauche ich etwas, um mich über den geraubten Skiurlaub hinwegzutrösten.“ Sie zieht verächtlich eine Braue hoch, was Paul nicht verborgen bleibt. Und da Paul auf die kleine Stichelei nicht reagiert, setzt sie noch eins drauf: „Deine Eltern haben ja einfach mal so beschlossen, Weihnachten bei uns zu feiern, und du hast nichts dagegen gesagt. Jetzt muss ich auf meinen geliebten Skiurlaub verzichten.“
„Und was hätte ich deiner Meinung nach sagen sollen?“ Paul breitet mit einer Geste der Hilflosigkeit seine Arme aus.
„Zum Beispiel, dass wir schon gebucht haben!“
„Haben wir aber nicht.“
„Ist doch egal, hätte aber sein können, wenn du nicht so damit herumgetrödelt hättest. Wahrscheinlich wusstest du schon viel länger, dass deine Eltern kommen wollten!“
„Was hättest du denn gemacht, wenn es deine Eltern wären?“, schnaubt Paul.
Helen schweigt beleidigt.
Ein kleines Mädchen, das gerade an der Hand seiner Mutter mit einer Tüte gebrannter Mandeln vorbeikommt, starrt erschrocken zu den beiden hoch.
„Ach komm, lass uns nicht streiten so kurz vor Weihnachten. Ich hab dich doch lieb!“ Paul greift nach Helens Hand.
„Dann lass mich wenigstens nachsehen, ob die Tasche noch da ist.“ Und bevor Paul sie festhalten kann, steht Helen schon inmitten der Regale im Geschäft und inspiziert aufgeregt die ausgelegte Lederware.
„Mist, sie ist weg! Letztens stand sie genau hier!“ Ihr Blick wandert von einer Seite des Regals zur anderen.
Und obwohl Paul im ersten Moment nichts durch seine beschlagenen Brillengläser erkennen kann, antwortet er: „Siehst du, sie ist weg! Dann können wir schnell noch zum Teegeschäft, bevor es schließt. Mutter hat mir gesagt, dass sie sich eine neue Teekanne zu Weihnachten wünscht.“ Paul greift Helen am Oberarm und steuert mit ihr zielstrebig dem Ausgang entgegen. Widerwillig lässt sie sich mitziehen.
„Och nee! Und dabei hätte ich sie so gerne gehabt.“
„Wir werden eine andere für dich finden.“
„Diese wäre aber einfach perfekt gewesen. So eine tolle Tasche finde ich nie wieder! Och, Mensch.“
Eine der Verkäuferinnen beobachtet die beiden schon die ganze Zeit. Als sie sieht, dass Paul Helen zur Ladentür hinausschiebt, nickt sie ihm konspirativ von der Kassentheke aus zu. Paul grinst breit und antwortet hinter Helens Rücken mit einem Daumen hoch.
„Schau mal, es fängt an zu schneien.“ Pauls warme Stimme kann Helen kaum über die Enttäuschung hinwegtrösten. Er legt seinen Arm um ihre Schulter. „Lass uns noch schnell eine Flasche Glühwein und gebrannte Mandeln für zu Hause mitnehmen, und dann machen wir es uns damit beim Kaminfeuer gemütlich. Und wer weiß, vielleicht kann der Weihnachtsmann ja doch noch was machen.“
„Wie, der Weihnachtsmann?“ Helen blickt zu Paul hoch und versucht seinen Geschichtsausdruck zu entschlüsseln.
„Schreib doch einfach einen Wunschzettel und leg ihn heute Nacht auf die Fensterbank“, sagt Paul lächelnd. „Wer weiß, vielleicht ist er morgen weg und vielleicht, wenn du ganz brav bist, …“
„Hm, und du meinst, ich hätte eine Chance?“ Helens Augen glänzen plötzlich wie die Schneeflocken, die sich sanft auf ihrer Mütze niederlassen.
Paul küsst sie auf die Stirn und drückt sie fester an sich: „Weihnachten ist doch die Zeit der Wunder …“




4 Kommentare zu “Die Handtasche”
Was für eine tolle Geschichte.
Auch für Euch ein frohes Fest und einen guten Rutsch ins neue Jahr
Vielen Dank! LG
Ich schliesse mich meinem Vorredner an: Diese Weihnachtsgeschichte ist herzallerliebst.
Herzlichen Dank! ☺️